2008: Leinau DE – „Spiritualität erfahren“

Das Laienforum 2008 fand vom 13. bis 17. August in der Abtei St. Severin in Leinau bei Pforzen, in der Nähe von Kaufbeuren im Allgäu, Deutschland, statt.

Spiritualität im Alltag entdecken

Internationales Alt-Katholisches Laienforum 2008 in der Abtei St. Severin, Leinau: 
30 deutsche,10 schweizer und 10 tschechische sowie jeweils eine Handvoll niederländischer und österreichischer Teilnehmer gestalteten die Tagung: Vom Nachmittag, den 13. August bis Sonntag, den 17 August 2008 haben wir dort die alt-katholische Abtei St. Severin kennengelernt und waren in den alt-katholischen Pfarrgemeinden Kaufbeuren-Neugablonz und München.

2008gruppenfoto
Die Teilnehmer am Abschluss-Gottesdienst

Die Eröffnungs-Vesper am Mittwoch behandelte die Spannung zwischen dem Bibeltext der Verheißung Gottes (Jesajas 43) „Ich habe Dich beim Namen gerufen“ und dem Schweigen Gottes. Nach Begrüßung durch den Tagungsveranstalter Dr. Johannes Reintjes und Abt Klaus Schlapps als Veranstalter, setzten die Teilnehmer und als Tagesgast der Altbischof von Österreich Heitz, ihren Namen auf „Fische“, legten ihn in den Bauch eines großen Fisches und setzten ein Licht auf ein Dreieck und Kreuz oberhalb des Fisches. So entstand eine größere Form, die Zusammenfügung der unterschiedlichen Logos unserer Bistümer in den drei Symbolen Dreieck, Fisch und Kreuz.

Uwe Drews Vortrag „Christliche Mystik“ – mit intensiver Diskussion – setzte am Mittwochabend die Basis des Tagungsthemas „Spiritualität erleben“. Mittel, derer sich Mystiker bedienen, sind zunächst Meditation als spirituelle Praxis der Achtsamkeitsübungen, um den Geist zu sammeln und schließlich über Kontemplation („beschauliche Betrachtung“) im Innersten des Selbst, jenseits aller Worte, zur „Gottesschau“ zu gelangen. Aus dem Leben bekannter christlicher Mystiker spannte er den Bogen von Hildegard von Bingen bis zum spirituellen Tagebuch von Dag Hammarskjöld.

Am Donnerstag stellte Bernardin Schellenberger zum Thema „Spiritualität: Atemholen für Leib und Seele

– sieben Entschleunigungs- und Horch-„Vorübungen“ sowie

– sieben spezifisch christliche „Hauptübungen“ für die Praxis im Alltag

überzeugend vor. Er nahm drei Tage am Alt-Katholischen Laienforum teil.


Christen heute, Oktober 2008, von Brigitte Glaab:

Heute spirituell leben
Einige Anregungen von Bernardin Schellenberger

Spiritualität ist „in“ und in aller Munde. Spirituelle Ratgeber sind zum Teil Bestseller. Ob immer gut ist, was sich gut verkauft, ist fraglich. Umso wichtiger ist es, dass wir uns Gedanken darüber machen, was wir unter Spiritualität verstehen und wie wir „heute spirituell leben“ können. Dieses Thema und die Aussicht, einen Autor kennenzulernen, von dem ich einige interessante Bücher gelesen hatte, bewegten mich dazu, mich zum diesjährigen alt-katholischen Laienforum anzumelden.

Zu Beginn seines Vortrags beschreibt der Referent Bernardin Schellenberger den spirituellen Menschen so: „Ein spiritueller Mensch tut nichts anderes als alle anderen Menschen auch. Er tut nur alles ein wenig anders.“
Schellenberger hat 14 Anregungen im Gepäck, die uns helfen sollen, heute spirituell zu leben. Zunächst sieben Übungen für den „Vorhof“ christlicher Spiritualität:

1. Wage es, gelegentlich einige Zeit allein zu sein, wenn du es sowieso schon bist.
Hinter diesem scheinbar selbstverständlichen Satz verbirgt sich die Frage, ob ich es mit mir selbst aushalte, ob ich mit mir und bei mir selbst sein kann. Kann ich wirklich noch alleine sein oder muss ich mich sofort wieder ablenken mit Eindrücken von außen, mit Musik, der Zeitung, dem Fernseher? Brauche ich, sobald ich alleine bin, das nächste Telefongespräch oder wenigstens eine „short message“, um am Ball zu bleiben?
„Wer allein ist, ist auch im Geheimnis.“ Und unter Geheimnis versteht Schellenberger alles, was uns umtreibt und uns übersteigt.
Gemeint ist das bewusste Allein-Sein, das uns in Berührung mit uns selbst bringt.

2. Versuche, nicht-reaktiv festzustellen, was dich umtreibt.
Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es in dieser Übung darum, die Dinge von außen zu betrachten und ohne Emotionen festzustellen, was es ist, das da auf mich einwirkt. Unsere Reaktionen sind immer begleitet von Beurteilen, Begehren, Befürchten. Oft bleiben wir in unseren Gefühlen stecken. Schaffen wir es aber, uns davon innerlich zu distanzieren, so gewinnen wir ein Stück Freiheit und können mit unseren Gefühlen anders umgehen. Wenn wir zum Beispiel unseren Schmerz „fest-stellen“, wird er nicht mehr so empfunden. Wir leugnen ihn nicht, lassen ihn sein und lassen ihn los. Es lohnt sich meiner Erfahrung nach, diese „Methode“ einmal auszuprobieren, wenn wir sehr von Gefühlen gepackt werden. Angst etwa kann uns lähmen oder den Atem nehmen oder gar aggressiv machen. Sich dem hingeben ist genauso kontraproduktiv wie sich ärgern, dass man jetzt schon wieder Angst hat. Die Angst kann erst kleiner werden, wenn ich sie wahrnehme, mich ihr stelle und entspannt mit ihr umgehe.

3. Suche nach Gelegenheiten, kurz ein paar Mal langsam, tief und bewusst durchzuatmen.
Das können wir vermutlich leichter nachvollziehen! Wie atemlos sind wir doch oft, wenn wir so durch unseren Alltag hetzen. Und wenn wir atemlos sind, weil wir gestresst sind oder uns ärgern, dann atmen wir automatisch flacher und schneller und werden so noch atemloser. Tief und bewusst durchatmen hilft da, weil es unseren Puls normalisiert und die Nerven beruhigt. Bewusstes Atmen bringt uns in die Gegenwart und schenkt uns Gelassenheit. Atem hat aber noch eine tiefere Dimension. Kannst du dir vorstellen, dass Es in dir atmet? Ruach, Pneuma, Gottes allgewalt, Hauch,  der Atem Gottes in uns. Bernardin Schellenberger wirkt fast ergriffen, als er uns empfiehlt, den Gottesnamen Jahwe oder Ha-Schem atmend zu erspüren.

4. Tu, wenn und wo möglich, gelegentlich bewusst etwas langsamer.
Auch das kennen wir wohl alle: wir fühlen uns getrieben und eilen von Termin zu Termin. Manchmal ist es gut und notwendig, zu entschleunigen. So können wir mehr wahrnehmen. Ein schönes Beispiel: „Rolltreppen sind Gnadeneinrichtungen, weil sie uns das schenken, was wir sowieso brauchen.“ Wer sich der Rolltreppe überlässt und nicht rauf oder runter rennt, hat Zeit durchzuatmen und sich selbst zu spüren.

5. Tu immer wieder einmal bewusst nur eine Sache auf einmal, und diese mit äußerster Achtsamkeit.
Was verlangt der Referent denn da von uns, wo wir doch im Zeitalter des Multitasking leben? Input-Askese nennt er es und meint damit wohl, dass wir nicht zu viel auf einmal auf uns einstürmen lassen sollen. Wir könnten mal ausprobieren, mit der ganzen Aufmerksamkeit da zu sein, bei dem Menschen, mit dem wir gerade sprechen, bei der Aufgabe, die wir gerade erledigen. Wir brauchen Multitasking. Zum Beispiel könnten wir nicht Auto fahren, wenn wir nicht gleichzeitig schauen, lenken, Gas geben und blinken könnten. Aber zuweilen tut es gut, sich wirklich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

6. Nimm bewusst mit einem einzelnen Sinnesorgan wahr: Was du hörst, siehst, riechst, schmeckst oder fühlst.
Das üben wir während des Vortrags auch gleich, indem wir unsere Augen schließen und bewusst auf die Geräusche lauschen, die von außen in den Raum dringen. Feine Töne werden wahrnehmbar und mit der Konzentration auf das Hören kommen die Gedanken zur Ruhe, der Atem wird tiefer und das Nervensystem entspannt sich. Eine wohltuende Übung, die sich wunderbar in den Alltag integrieren lässt. Ebenso die Einladung, beim Essen ab und zu auf alle Ablenkung zu verzichten und bewusst zu riechen und zu schmecken.

7. Versuche, sinnloses Wollen zu durchschauen und bleiben zu lassen.
Beispiel Haltestelle: „Die Bahn kommt durch mein nervöses, ungeduldiges Warten kein bisschen schneller“. Leichter gesagt als getan, vor allem, wenn ein wichtiger Termin ansteht und ich nicht zu spät kommen darf. Dennoch: oft könnten wir Wartezeiten gelassen hinnehmen, tun es aber nicht. Und selbst wenn ich definitiv keine Zeit habe, ändern meine Ungeduld und mein Ärger nichts an der Ankunftszeit des Busses und können auch nicht den Stau auflösen, in dem ich gerade stecke. Sinnloses Wollen macht unzufrieden und unglücklich. Gelassenheit aber in den Situationen, die wir nicht ändern können, schenkt uns die nötige Kraft, die anstehenden Aufgaben zu erledigen. Und dann können Ruhe und Frieden einkehren.

Das also sind die „Vorübungen“, die nicht so einfach sind, wie es beim Lesen den Anschein hat. Solches oder ähnliches könnten wir allerdings auch einem Ratgeber für ein entspannteres Leben entnehmen. Deshalb bin ich gespannt auf den zweiten Teil des Vortrags, in dem uns mit den sieben Hauptübungen Hilfen für eine spezifisch christliche Spiritualität vorgestellt werden.

Schellenberger spricht über Erfahrung und meint, das Wort sei heute völlig überdreht. Menschen möchten bei ihrer spirituellen Suche und in der Meditation besondere Erlebnisse haben. Wenn sie dabei etwa durch Imagination ein Licht in sich wachrufen, würden sie das als religiöse Erfahrung deuten. Es sei aber eine durch eine Psycho-Technik hervorgerufene Bewusstseinsveränderung. In der christlichen Spiritualität gehe es aber nicht um solche Erfahrungen, sondern um einen Prozess der Verwandlung, in dem wir allmählich Jesus ähnlicher werden.
„In welchem Maß gleicht dein Leben dem Leben Jesu? Kannst du dich einlassen auf das Ideal der Nachfolge Jesu, auf den Prozess der Veränderung, der unterhalb aller Erfahrung liegt?“ Um dahin zu kommen, müssen wir uns mit Jesus beschäftigen, in der Schrift über ihn lesen und Zwiesprache mit ihm halten. Auch den Mystikern sei nicht die Erfahrung an sich wichtig gewesen, sondern die Wirklichkeit, d.h. das, was sich auf den Menschen auswirkt.

Deshalb lautet die erste Anregung:
1. Konzentriere dich in erster Linie auf dein Leben. Entdecke darin dein spirituelles Leben.
Schellenberger, der zahlreiche Meditationsanleitungen übersetzt hat, stellt fest, dass in den meisten das Leben nicht vorkommt. Im Christlichen gehe es aber gerade um das Leben.“Unser ganzes Leben ist unsere Meditationsmethode.“ Deshalb empfiehlt er, Biographien reifer Menschen zu lesen. Von Menschen, die mit der Nachfolge Jesu ernst gemacht haben. Solche Lektüre sei inspirierender als jede Meditationsmethode oder -anleitung. Er zitiert Meister Eckhart: „Das Leben erkennt besser als Lust und Licht es vermögen.“
In einem interessanten Artikel auf der Internetseite der Christkatholischen Kirche Basel-Stadt habe ich folgende Erklärung gefunden: „Es geht Meister Eckhart in seiner Darlegung einer innerlichen Frömmigkeit darum, dass der Mensch in der Gottesgegenwart lebt und in dieser Haltung den Alltag gestaltet und in ihm wirkt. Denn nicht Weltflucht oder phlegmatischer Rückzug kennzeichnen die mystische Grundhaltung. Es kommt darauf an, an allen Orten und in jeglichem Tun Gott zu ergreifen. … Die Erfahrung des Außergewöhnlichen hat eine Schattenseite, die Meister Eckhart wieder und wieder problematisiert: die Verlorenheit an ein süßes, angenehmes oder faszinierendes Gefühl.“

2. Versuche regelmäßig, erinnernd den Faden in deinem eigenen Leben zu finden.
Ein Zitat von Leo Tolstoi: „Liebe deine Geschichte, denn sie zeigt dir die Wege, die Gott dich geführt hat. Fürchte dich nicht.“ Dies ist eine Einladung, in der Rückschau auf das eigene Leben Gottes Spuren darin zu entdecken. Echte Erfahrungen wirken nach. „Erst im Rückblick, in der Erinnerung, klärt sich, von welcher Qualität die Erfahrung war.“ Was sich heute wunderbar anfühlt, kann sich morgen als große Täuschung erweisen. Und was heute schwer und traurig scheint, kann sich im Rückblick als äußerst hilfreich herausstellen. „Je älter die Augen werden, umso neuer können sie sehen.“ Gerade die Brüche in unserer Biographie, tragische Situationen und Erfahrungen von Leid erschließen sich oft erst aus der Rückschau. „Gott offenbart sich auch, indem er sich entzieht.“ Um unsere Erfahrungen erinnernd einzuordnen, kann ein Tagebuch hilfreich sein oder ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. „Was man ausspricht und teilt, wird wirklicher, wirkt länger nach.“ Auch hier wird noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, das spirituelle Leben weder abstrahiert von der eigenen Biographie noch von der allgemeinen Biographie zu sehen. Spiritualität und Leben gehören zusammen.

3. Aktiviere deine Fähigkeit zu der Art Liebe, die sich engagiert und verschenkt. Sei ein Mensch des Mit-Leids, der Barmherzigkeit.
Vor unserer Liebe steht laut Schellenberger die Liebe Gottes, die uns berührt mit ihren Strahlen. „Nicht wir suchen etwas, sondern wir lassen uns finden von dem, der uns liebt.“ Damit meint er keinen „Eia-Popeia-Gott“, denn „Gott reißt vom Hocker“ mit einer Liebe, die unsere Fehler dahinschmelzen lässt. Unsere Aufgabe sei es, diese Liebe um ihrer selbst willen weiter zu tragen. Auch hier sei nicht das Ziel, Liebeserfahrungen zu machen, sondern Liebe zu leben um der Liebe willen. Im Matthäus-Evangelium werde von einer spirituellen Nicht-Erfahrung erzählt. „Was ihr den Geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ „Das hatten die gar nicht gemerkt, dass sie ganz im Sinne der Barmherzigkeit Gottes gehandelt hatten. Je mehr man es lebt, desto weniger redet man darüber.“

4. Richte dich darauf ein, dass dir etwas gesagt wird. Lebe deshalb in der Haltung des Hörens.
Gott sendet auf verschiedenen Frequenzen und nutzt alle möglichen Medien. Gottes Botschaften empfangen wollen, heißt deshalb, flexibel bleiben, bereit sein, die Frequenz immer wieder neu einzustellen. Mir fällt dazu der Prophet Elija ein, der Gott im sanften Säuseln des Windes erkennt. Das war für Israel neu, hatte man in der Vergangenheit Gott eher in Sturm und Brausen erfahren. Doch Gott bleibt unberechenbar, teilt sich oft anders mit als wir erwarten. „Es ist einfacher, die gesuchte Frequenz wegzudrehen als sie sauber einzustellen“, so Hape Kerkeling in seinem Buch über den Jakobsweg. Schellenberger karikiert einen Menschen, der sich im Schweigen verliert und deshalb den Anruf Gottes abwehrt: „Schweige, Herr, dein Diener schweigt. “ Wer auf Gott hören will, muss mit allem rechnen, auch mit Störungen und Sendepausen und muss dennoch auf Empfang bleiben.

5. Versuche, regelmäßig eine Zeit für das Zu-dir-Kommen und Herausgehen-aus-dir im Gebet vorzusehen.
Regelmäßigkeit und Ritual sind dafür sehr hilfreich. Wie dieser Rhythmus für Menschen heute aussehen könne, dafür gebe es keine Regel. Vielleicht sei auch nur ein Wochenrhythmus möglich. Wichtig sei allerdings eine Kontinuität.
Nach meiner Erfahrung ist es einfacher und „erfolgversprechender“, sich öfter eine kurze Zeit zu nehmen als sich in größeren Abständen zu viel vorzunehmen. Ob es um Körperübungen geht oder um Gebet, Stille und Meditation, wir lernen mit kurzen Einheiten die Pausen im Alltag besser zu nutzen, wir bleiben leichter dran und nehmen eher die wohltuende und vielleicht auch inspirierende Wirkung solcher Rituale wahr. Und wir üben uns ein in die obengenannte Haltung des Hörens, wenn wir uns öfter Zeiten der Stille und des Gebets gönnen, um uns auf den Sender einzustellen.

6. Ersuche aus der Heiligen Schrift herauszuhören, was anderen vor dir gesagt wurde und was dir gesagt werden könnte.
Wieder begegnet uns hier die Bereitschaft zum Hören. Bernardin Schellenberger ermutigt, die Botschaft zwischen den Zeilen wahrzunehmen. Denn zwischen den Zeilen der biblischen Texte schwebe etwas von Gott und das mache die Bibel zu einem inspirierten und inspirierenden Buch. Mit der Bibel könne man aber auch viel Unheil anrichten, wenn man die Texte aus drei Jahrtausenden als „Protokoll von Diktaten Gottes“ verstehe. Die Bibel sei keine historische Reportage. In ihren Schriften drückten Menschen aus, was sie von Gott wahrgenommen haben. Wir nehmen heute anders wahr, unsere Lebenswirklichkeit ist eine andere und deshalb müssen wir die Botschaft der Bibel in unser Leben übersetzen. Verschiedene Menschen können vom gleichen Text ganz unterschiedlich angesprochen werden. Wer sich hörend dem Text aussetzt, sich aber nicht angesprochen fühlt, darf ihn stehenlassen und hoffen, dass eine andere Stelle ihm oder ihr etwas sagt. „Ich empfehle also, in ihr (der Bibel) vor allem Erlebnisberichte und Szenen zu suchen, in denen man sich wiederfindet und die einen weiterführen. Sie ist voll davon.“ Weiter empfiehlt Schellenberger in seinem Buch „Auf den Wegen der Sehnsucht“, die eigene Lebenserfahrung in einen größeren Kontext zu stellen, zu schauen, wie verschiedene Menschen in unterschiedlichen Epochen bis heute einzelne Texte für sich gedeutet haben, und die eigene Deutung dazuzustellen.

7. Sieh dich nach Gleichgesinnten um, mit denen du dich austauschen und deren Unterscheidungsgabe du dich stellen kannst.
Vielleicht ist das eine ganz wichtige Empfehlung für alle, die sich auf einen spirituellen Weg einlassen wollen. „Sich mit einem Menschen besprechen, der sich auskennt mit den Wegen Gottes und der die „Unterscheidung der Geister“ besitzt“. Schon im frühen Mönchtum war es die Regel, dass ein Erfahrener mithört. Meines Erachtens ist eine solche Begleitung äußerst hilfreich, wenn die „erfahrene Person“ sich nicht anmaßt zu wissen, was gut und richtig für dich ist und welchen Weg du gehen sollst, sondern dir hilft, deine Erfahrungen zu deuten und selbst deinen Weg zu finden. Vieles erschließt sich schon beim erzählenden Reflektieren, anderes wird durch Nachfragen des Zuhörers oder der Zuhörerin bewusst. Aber auch der bloße Austausch mit Gleichgesinnten ohne besondere Fähigkeiten in geistlicher Begleitung kann sehr hilfreich sein. Wenn wir uns darüber austauschen, wie wir die Bibel verstehen und wie wir uns heute von Gott angesprochen fühlen, stellen wir uns in die Reihe derer, die über die Jahrhunderte hinweg ihre geistlichen Erfahrungen mitgeteilt und versucht haben, ihr Leben im Licht Gottes zu deuten. Wir handeln nach dem Beispiel der Menschen, die sich bemüht haben, dem Geist Gottes Raum zu lassen und mit ihrem Leben Antwort zu geben auf den An-Spruch Gottes.
Brigitte Glaab

Aus den Reaktionen der Teilnehmer: „Seine Einlassungen zum Thema Spiritualität waren nicht nur eingängig, sondern begeisterten aufgrund ihrer sehr lebensnahen Schilderung. Jeder konnte daraus sicherlich etwas mitnehmen.“

„Zwar bin ich Eine, die in Form von Lektüre vieles aufnehmen und ausprobieren kann, doch das authentische menschliche Gegenüber gibt einem so vielschichtigen Thema natürlich noch einmal eine ganz andere, zusätzliche Qualität. Ich kann mir vorstellen, dass unser Referent Menschen in jedem Stadium ihrer spirituellen Suche angesprochen hat.“

Viele fanden das schweigende Einnehmen des Mittagessens (nach den Übungen von Bernardin Schellenberger) besonders intensiv.

Am Donnerstag Nachmittag und Samstag stand „eigenes Tun“ als Verbindung von Theorie und Praxis auf der Agenda. Besonders beliebt war dabei die Kalligrafie im Kloster (mit Andreas d´Orfey), aber auch Heilkräuter (mit Abt Klaus Schlapps und Dieter Nentwich), der Projektchor (mit Bruder Johannes Estner) und Gartenarbeiten (Bruder Georg Scholl) kamen bestens an.

Am Freitag war in Kaufbeuren großer Feiertags-Gottesdienst. In der Predigt erläuterte Bischof Joachim Vobbe verschiedene Aspekte der Person Mariä, ihr Verhältnis zum „schwierigen“ Sohn, ihr Leiden an dieser komplizierten Beziehung und schließlich ihren Aufstieg zur fast göttlich verehrten „Gottesmutter“ im Volksglauben. Er segnete die am Vortag gemeinsam gebundenen Kräuterbuschen.

In den Fürbitten gingen die Ländervertreter auf das Thema der Versöhnung zwischen Gablonz (CZ) und Neugablonz (Bayern) ein. Der Gablonzer (Jeblonec) Pfarrer, der unter den tschechischen Teilnehmern war, wurde von Alt-Gablonzerinnen umringt, die Geschichten aus ihrer sudetendeutschen Zeit und von ihren Besuchen in der alten Heimat erzählten.

Nach Mittagseinladung und Kennenlernen der Kaufbeurer-Neugablonzer Gemeinde und des Bürgermeisters ging es mit dem Bus zu den Königsschlössern (mit Führung durch Neuschwanstein) und zum Musical-Festspielhaus am Forggensee. Das Schloss im regnerischen Nebel hatte eine faszinierende Ausstrahlung, die man nicht von Millionen Bildern im Sonnenschein kannte. Der Abend wurde in ökumenischer Gesinnung mit einer Vesper im uralten Kirchlein in Eiberg bei Irsee beendet.

Wir danken besonders Bischof Joachim Vobbe, der an drei Tagen am LF teilnahm und spontan einen Abendtermin mit einem Bericht von der anglikanischen Lambeth-Konferenz durchführte.

Im Plenum am Samstag Abend wurde der Beschluss des letzten Jahres bestätigt, das Internationale Alt-Katholische Laienforum 2009 in Südtirol (an der italienischen Sprachgrenze) stattfinden zu lassen.

Gleich drei OrganistInnen halfen, die Gottesdienste und die kreativen Laudes und Vesper der fünf Nationalitäten mitzugestalten:  Eveline Jansen, Organistin in der Gertrudis Kathedrale in Utrecht, Bruder Johannes Estner, Organist in Kaufbeuren und Dr. Stefan Günter, München.
Am Sonntag endete das Laienforum mit einem Ausflug und mehrsprachigen Gottesdienst in München, St. Willibrord.  Der in Leinau entstandene Laienforumschor und der von Andreas d´Orphey und Johannes Reintjes vorgetragene Hymnus „Wie Deines Auges Stern“ überhöhten die Feier. Nach der Mittagessenseinladung durch die Alt-Katholische Pfarrgemeinde von München, die extra den Döllingersaal zum Besuch des Laienforums frisch renovierte, konnten noch viele Teilnehmer die kenntnisreiche Führungen durch die Altstadt mit Willi Pölt und Martin Jautz miterleben, die mit Besuch eines Biergartens beim Augustiner in der Kaufingerstraße feuchtfröhlich endete.

Fazit:

  • Mit großer Konzentration haben viele Teilnehmer tiefe Einblicke und Anregungen zur Beschäftigung mit Spiritualität erarbeitet, die Wirkung zeigen werden.
  • Ein Hauptzweck des Laienforums, der Austausch und das Kennenlernen anderer alt-katholischer Gemeinden über Bistumsgrenzen hinweg, wurde durch die Begegnungen mit der Kaufbeurer-Neugablonzer bzw. der Münchener Gemeinde und der Teilnehmer untereinander voll erfüllt.
  • Das Kloster hat gewiss neue Freunde gewonnen und umgekehrt sagte Pater Klaus bei seiner Münchener Predigt offen: „Wir haben die Teilnehmer des Laienforums ins Herz geschlossen!“
  • Es herrschte eine fröhliche und angenehme Grundstimmung mit viel Hilfsbereitschaft, die Teilnehmer schreiben ließ:
    „Ich bin ganz beglückt nach Hause gekommen.“
    „Für mich ist das Laienforum jedesmal der Höhepunkt des ak-Kirchenjahres.“

Dr. Johannes Reintjes, München

Was ist das Internationale Alt-Katholische Laienforum

Der Internationale Altkatholiken-Kongress 1990 beschloss das jährliche Laienforum als Ort des Austauschs zwischen den Laien der Utrechter Union. Seither treffen sich interessierte und engagierte Laien zwischen den Kongressen abwechselnd in Deutschland, Niederlanden, Österreich, Schweiz und Tschechien, behandeln aktuelle spirituelle Themen und lernen dabei Land und Leute kennen.

Das Laienforum ist für Einzelpersonen genauso wie für Familien (Ausflüge) geeignet. Ländervertreter als Leitungsgremium garantieren eine Struktur und Kontinuität. Unsere Internetadressen lauten www.utrechter-union.org/german/gremien_2.htm und in Deutschland: www.mensch-und-kirche.de, Kapitel „Laienforum“

Teilnehmerreaktion: „Ich finde, beim Laienforum erlebt man die ak mal endlich nicht als Kleingruppe, sondern wirklich als Kirche, die auch noch in vielen Ländern aktiv ist.“